Artikel: Nach dem zehnten Mal ist das falsche Pronomen kein Versehen mehr. Sondern eine Entscheidung.
Muss das sein?
Ein Unterrichtstag in München. Alles läuft wie gewohnt. Jemand sagt: „Danke, Michaela.“ Überall freundliches Nicken. Weiter geht’s. Derweil in Berlin. Denise geht in die Waschräume. Eine Kollegin hält ihr die Tür auf, lächelt, grüßt. Zwei Momente, die darüber entscheiden, ob sich Michaela und Denise richtig fühlen. Oder nicht. Beide kennen auch das: falscher Name, Getuschel, starren, zögern. Muss das sein?
Ein erstes und letztes Mal
Juni 2025, 05:30 Uhr. Michaela drückt auf „Senden“. In einer E-Mail sagt sie rund 1500 Mitarbeitenden, was sie über 30 Jahre bei der DB verborgen hat: Sie ist eine Frau und will so gesehen werden. Ab sofort auch beruflich.
Mit mulmigem Gefühl fährt sie ins Büro. Schwarze Hose, weiße Bluse, bordeauxfarbener Blazer. Zum ersten Mal bewusst sichtbar als Frau im Arbeitsalltag. Während der Zugfahrt klingelt die Störhotline. Sie meldet sich mit ihrem alten Namen. Ein letztes Mal. Viele Kolleg:innen kommen auf sie zu, umarmen sie, bewundern den Mut. Andere witzeln, sprechen über Michaela als „er/sie/es“.
Seit einem Jahr steckt Michaela in ihrer Hormonersatztherapie. An manchen Tagen blickt sie in den Spiegel. Bleibt einen Moment länger stehen. Sieht, dass sich was tut. An anderen Tagen kann sie es kaum aushalten: die Reaktionen der Mitmenschen (Was soll das?), die Grenze der Belastung (Wie lange halte ich das noch aus?).
„Bist du JETZT eigentlich eine richtige Frau?“
Denise kam 2022 zur Deutschen Bahn. Seit vielen Jahren lebt sie offen als die Frau, die sie ist. Davor hat sie sich in der Öffentlichkeit oft zurückgenommen. Weil die Reaktionen anderer Menschen oft schwer auszuhalten waren. Dazu kam: Bürokratie, neue Dokumente, neuer Name, geänderter Geschlechtseintrag. Alles für mehr Würde, Sichtbarkeit und Selbstbestimmung. Und trotzdem wird Denise oft nicht so gesehen, wie sie ist.
„Bist du JETZT eigentlich eine richtige Frau?“ Manchmal sind die Fragen noch intimer. Sie werden online gestellt, aber auch im echten Leben, auf der Straße, beim Einkaufen, von wildfremden Menschen. Was muss Denise noch tun, um richtig gesehen zu werden?
Nichts! Aber wir schon. Findet Anna!
Das muss sein
Anna ist Triebfahrzeugführerin bei der DB. Sie mischt sich ein, wird unbequem, sensibilisiert, korrigiert. Weil ein „War doch nicht so gemeint“ immer wehtut. Weil nach dem zehnten Mal das falsche Pronomen kein Versehen mehr ist, sondern eine Entscheidung. Weil nichts zu sagen keine Lösung ist, sondern Teil des Problems. Weil neutral zu sein auch eine Haltung ist. Weil solche Situationen auch durch uns passieren.
Anna tut was dagegen. Weil sie es kann. Wir alle können das. Für Menschen wie Michaela und Denise. Das muss sein!
Mehr über Anna erfährst du hier.