Artikel: Sehe ich nicht so!
„Das gibt Lack!“, sagt Anna. Vor ihr in der Kurfürstengalerie in Kassel steht eine Freundin. Völlig aufgelöst. Die Reinigungskraft um die Ecke habe sie nicht auf die Damentoilette gelassen. Weil sie aussehe wie ein Junge. Anna ist fassungslos, geht zur Reinigungskraft und stellt sie zur Rede.
Anna hat lange Haare, trägt gerne Handtaschen. Sie fühlt sich als Frau. „Bei mir wird das akzeptiert, einfach so.“ Das macht sie wütend. Früher war sie bei der Bundeswehr, jetzt ist sie Lokführerin bei der Deutschen Bahn. Beides Männerdomänen. Blöde Sprüche inklusive. „Ich weiß, wie sich so was anfühlt.“
„Ich muss nicht betroffen sein, um betroffen zu sein“
Anna hat gelernt, sich durchzusetzen, den Mund aufzumachen, weil andere ihren nicht halten können. Seit der Sache in der Kurfürstengalerie mischt sich Anna ein. „Ich muss nicht betroffen sein, um betroffen zu sein“, sagt sie.
Sie wird nicht jedes Mal laut oder bricht einen Streit vom Zaun oder sie fragt: „Hast du Kinder? Stell dir vor, dein Kind sagt zu dir, es fühle sich falsch! Was dann?“ Damit kriege man fast alle, sagt Anna. Sie selbst hat keine Kinder.
Von Patzern, Pessimismus und kleinen Erfolgen
Nicht alles sitzt bei ihr sofort. Gendern liege ihr nicht so. „Ich sage zu mir selbst Lokführer.“ Und dann die Sache in Mannheim mit der non-binären Person aus dem Team, die mit dem Pronomen „es“ angesprochen werden wollte. Anna hat es ein paar Mal verpatzt und wurde dafür hart angegangen. Sie hat sich entschuldigt: „Ich bin eine der wenigen, die das nicht böse meint. Das lass ich mir nicht gefallen.“
Ob sie was bei den Menschen auslöst, bei denen sie dazwischengeht? „Ich bin da eher pessimistisch. Vielleicht setzt sich jemand abends hin und denkt nochmal drüber nach.“ Vielleicht auch nicht.
Aufhören kommt trotzdem nicht in Frage.
Zu der Freundin von damals in Kassel hat Anna heute kaum noch Kontakt. Sie haben sich auseinandergelebt. An die Situation von denkt Anna aber bis heute. Das verbindet sie.